Every journey begins with a first step

Das Etagenbett war eindeutig zu kurz und es ist schon unglaublich, was zwei Schnarcher für einen Lärm machen können, aber ich will mich nicht beschweren – ich hab gut geschlafen, wofür ich hauptsächlich das Pint Cider gestern Abend verantwortlich mache.

Die Leute hier sind alle so nett, man kommt schnell ins Gespräch, wenn mein Smalltalk auch anfangs noch ein bisschen im Getriebe rattert. Später am Tag wird das besser werden. Positiv überrascht bin ich auch, wie gut hier alle zu verstehen sind. Das wird sich weiter im Norden bestimmt noch ändern.

Die Tomaten waren aus, sodass das Frühstück nicht viel besser hätte sein können. Beim Packen bemerke ich, dass mein Trinkschlauch nicht auf die hiesigen Wasserflaschen passt, die wohl einen imperialen Schraubverschlussdurchmesser haben. Da muss ich mir was anderes einfallen lassen.

Außerordentlich dankbar bin ich für die Sonne, die mich durch die Fenster einlädt, heute die Wanderung zu beginnen. Ich verabschiede mich vom Ultra-Light-Hiker und gehe im Kopf bereits all die Sachen durch, die ich beim nächsten Mal zuhause lassen werde: ein geschätztes Kilo Energieriegel und Trailmix zum Beispiel. Das kann man hier auch ganz gut kaufen und muss nicht den Vorrat für 6 Wochen mit sich rumtragen.

Ich laufe von der Jugendherberge zum Pier runter, wo der Berwickshire Coastal Path offiziell beginnt. Von dort geht es immer an der Küste lang vorbei am Turm der Küstenwache, an Golfplätzen, Caravanparks, mehr Golfplätzen und mehr Caravanparks. Zwischendurch kommt man der Eisenbahn, der East Coast Main Line, ziemlich nahe und der Weg ist streckenweise von Klippen auf der einen und den Gleisen auf der anderen Seite flankiert. Die Küstenlinie ist wunderschön. Andernorts würde dafür Eintritt verlangt werden. Hier ist das eben die Landschaft 200 Meter hinterm Industriegebiet.

Nach etwa 7 km überquere ich die Grenze zu Schottland. Abgesehen von einem subtilen Hinweis an einem Gatter merke ich das bald auch daran, dass mir in kurzer Folge erst ein Rebhuhn, dann ein Hirsch und dann eine verlassene Bothy ohne Dach, eine traditionelle Hütte für Wanderer, begegnen.

Da ich meinem Glück mit dem Wetter nicht so richtig über den Weg traue, mache ich wenig Pausen und wenn nur kurz. Außerdem hab ich keine Uhr mitgenommen und verliere ein bisschen das Zeitgefühl. Als der Weg durch einen kleinen Fischerort führt, mache ich dann doch mal Rast, dezimiere den Vorrat an Studentenfutter und Beef Jerky und kühle mir die Füße im Meer ab.

Ich wandere über Schafweiden, Golfplätze, gucke den Möwen zu, die in der Steilküste nisten, und laufe so vor mich hin. Der Rucksack ist schon ziemlich schwer und die Beine zunehmend auch, aber es geht. Ein wenig Sorge macht mir die Tatsache, dass es hier nirgends eine Möglichkeit zum Unterstellen gäb, wenn es doch noch regnen sollte, wonach es einige Male aussieht. Aber das Wetter hält sich und ist ein dankbares Gesprächsthema mit dem einzigen anderen Wanderer, der mir heute entgegen kommt. Der trägt Anzughose und Hemd und läuft die Strecke von Eyemouth nach Berwick völlig ohne Outdoor-Schnickschnack.

Gegen halb zwei erreiche ich mein heutiges Ziel Eyemouth. Meinem Zeitgefühl nach ist es später Nachmittag und meine Füße und Beine denken das auch. Erst mal wieder ans Laufen gewöhnen … vielleicht hätte ich mir mehr Zeit nehmen und es langsamer angehen lassen sollen. Ich bereite innerlich schon einmal das Empfangskomittee für den Muskelkater vor.

Im Hafen von Eyemouth herrscht geschäftiges Treiben. Da werden Boote repariert, Fischlaster beladen und ziemlich laut und unflätig geflucht. Ich suche mir eine Bar und bestelle mir ein Mittagessen, weil es ja noch gar nicht so spät ist.

Und dann überrede ich meinen müden Körper, zum Hotel zu laufen. Ich bin schon sehr froh, dass ich mir heute keinen Zeltplatz suchen muss. In meinem großzügigen Zimmer (hier hätte ja eigentlich auch Olli noch schlafen sollen) baue ich erstmal den Gaskocher zusammen, trage ihn mit einem kritischen Blick auf den Rauchmelder lieber ins Bad und koche mir einen Tee. Teebeutel, Milch und eine Thermostasse mitzunehmen, ist ein Komfort, der mir jedes Gramm wert ist. Und das lasse ich mir auch von keinem Ultraleicht-Wanderer madig machen. Dann lege ich mich in die Badewanne. Mann, das tut gut! Tshirt und Unterhose wasche ich auch mal durch – bis morgen sind die wieder trocken. Auf dem Weg aus dem Bad stelle ich fest, dass im Zimmer ein Wasserkocher, Tassen, Tee, Kaffee usw bereit stehen. Auch gut.

Beim abendlichen Spaziergang durch Eyemouth entdecke ich noch einige Highlights: erstaunlich viele Kirchen, den hiesigen Bowling Club, ein Take-away-Restaurant, das einen Preis für die besten Fish‘n‘Chips erhalten hat, und das durch ein riesiges Schild über der Eingangstür gekennzeichnete Haus von Colbie-Kate Ross, Eyemouth Herring Queen 2017.

Die Daten des GPS-Geräts für heute: Strecke: 20,5 km, 537 Höhenmeter, mittlere Geschwindigkeit: 4,7 km/h

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