Co’path — Dunbar

Ich weiß wirklich nicht, warum es mir so schwerfällt, Fremde um einen Gefallen zu bitten. Gestern Abend, als ich zum Essen noch einmal die zwei Meilen nach Pease Bay runtergelaufen bin, fand ich die Vorstellung, diesen Weg und die folgenden anderthalb Stunden zurück nach Cockburnspath, die ich gestern schon gelaufen bin, mit Rucksack noch einmal zu gehen, wenig attraktiv. Und ich hätte ja fragen können, ob die mich morgens wieder da absetzen können, denn mit dem Auto waren das keine 10 Minuten. Aber abends hab ich nicht gefragt und während ich gerade noch halb frühstücke, halb den Rucksack packe, ist Angela weggefahren.

Als ich mich in mein Schicksal ergeben habe und gerade aufbrechen will, kommt Willie, Angelas Mann, aus dem Haus, um die Tochter zum Schulbus zu fahren. Ich schüttele ihm die Bärenpranken – Willie ist zwar ein paar Köpfe kleiner als ich, aber doppelt so breit und seit 20 Jahren Schaffarmer -, um mich zu verabschieden und für die angenehme Nacht in der schönen Unterkunft zu bedanken. Und weil ich mich deswegen so über mich geärgert habe und weil wir jetzt ja eh im Gespräch sind, frage ich ihn, ob er zufällig nach Co’path (anpassungsfähig, wie ich bin, übernehme ich die hier anscheinend geläufige Kurzform des viel zu langen und ohnehin etwas merkwürdigen Ortsnamens) fährt. Tut er nicht – er muss nach Eyemouth in die andere Richtung. Macht aber nix. Hat gar nicht wehgetan. Weder das Fragen noch die Absage. Und nach kurzem Zögern meint er dann, ich solle mal zur Straße runtergehn, er werde nur kurz die Tochter wegbringen und mich dann schnell hinfahren. Yesss!

Unterwegs reden wir ein bisschen und Willie fragt, wie es der deutschen Wirtschaft gehe. Ja. Wie geht es eigentlich der deutschen Wirtschaft? Gut soweit, danke. Oder? Hmm. Irgendwie fühle ich mich da erschreckend auskunftsunfähig. Und jetzt kommt das ganz große Ding! Eigentlich Blogging 101, aber ich mach‘ das ja noch nicht so lange. Jetzt aktiviere ich den Leser oder gern auch genderneutral die Lesenden. Wenn jemand weiß, wie es ihr geht, die/der schreibe doch bitte einen Kommentar zu diesem Eintrag.

In Co’path enden Berwickshire Coastal Path sowie Southern Upland Way und ich muss nun erst nach Dunbar, wo der nächste Fernwanderweg, der John Muir Way, seinen Anfang oder eigentlich sein Ende nimmt, denn auch von diesem Weg gibt es fast ausschließlich Wegbeschreibungen in der für mich falschen west-östlichen Laufrichtung.

Bei Dunglass überquere ich im Spurt die A1 und verlasse damit die Scottish Borders, um nach East Lothian zu gelangen. Seit ich das entsprechende Straßenschild gesehen habe, hab ich nun einen Ohrwurm: Heart of Lothian von Marillion. Der begleitet mich bis Dunbar, wo er von einem anderen, nämlich Brian MacNeills Muir and the Master Builder abgelöst wird. Der Link befreit mich dann auch davon, Weiteres über den Namensgeber des John Muir Ways schreiben zu müssen, denn im Lied wird ja alles gesagt.

Bald führt der Weg wieder an der Küste entlang und als ich aus einem kleinen Waldstück unerwartet auf den Strand treffe, fällt mir der Geruch des Meeres auf, den ich jetzt für ein paar Stunden nicht in der Nase hatte.

Gerüche, die ich mag: Seetang und Salzwasser am Strand, Gräser und Ginster, Schaf, den irgendwie metallischen Geruch eines Kraftwerks (hm, ja, weiß auch nicht), Meat Lasagna; Gerüche, die ich nicht mag: Gülle auf den Feldern, Autoabgase auf der A1;

Immer wieder schrecke ich Rebhühner auf, die ich nur deshalb als solche erkenne, weil sie genau so aussehen, wie auf den Famous-Grouse-Whisky-Flaschen. Trinken ist eben auch eine Art, ornithologische Ignoranz auszugleichen.

Seit der Zeltnacht in Dowlaw habe ich jetzt schon dieses riesige weiße Bauwerk vor mir. Als es abends am Horizont auftauchte und vor allem als es nachts dann erleuchtet war, hielt ich es nicht für unwahrscheinlich, dass es sich um die geheimen Hightech-Labore eines verrückten Wissenschaftlers und/oder die Kommandozentrale eines James-Bond-Bösewichts handelt. Als ich endlich davor stehe, entpuppt sich der Kasten als Torness Power Station, ein Kraftwerk also. Womit die hier Strom erzeugen, steht nirgends, aber Wind, Sonne und Wasser scheiden aus, für Kohle fehlt der Schornstein und die kleinen gelben Dreiecke mit den Strahlensymbolen weisen stark auf etwas anderes hin. Nach der kilometerlangen wunderschönen Felsenküste ist die Umrundung des Atomkraftwerks surreal. Auf einem in den Deich integrierten Spazierweg läuft man entlang tausender riesiger Betonelemente, die hier zur Flutabwehr aufgehäuft sind.

Eine längere Rast lege ich beim Leuchtturm von Barns Ness ein. Schon wieder laufe ich seit Stunden im schönsten Sonnenschein und da Dunbar in der Ferne bereits auszumachen ist, genieße ich in Ruhe die schönsten Stellen des Weges.

In den Überresten des Schiffes, das im Vordergrund des Fotos zu sehen ist und vor ziemlich langer Zeit mal ziemlich groß gewesen sein muss, ist ein Geocache versteckt, wie an vielen Stellen entlang der Küste. Statt die Caches zu suchen, beschränke ich mich darauf, im GPS-Gerät die Beschreibungen zu lesen, wenn ich daran vorbei komme, weil sie oft interessante Infos oder Geschichten zur Gegend enthalten.

Etwas weiter komme ich zu einem Strand, der treffend White Sands heißt und an dem eine Frau mit ihrem Hund BADET! Und ich rede nicht von Füße im Wasser, sondern vollkontaktschwimmen ohne Neopren! Dem Hund ist allerdings anzusehen, dass er sich der Sinnfrage nicht ganz verschließen kann.

Nicht weit hinter der nächsten Einbuchtung erreiche ich den Golfplatz von Dunbar, an dessen Rand ich – den Schildern gehorchend immer auf der Hut vor umherlaufenden Golfern und vor allem fliegenden Golfbällen – dem Weg bis in die Stadt folge.

Bei der Besichtigung des Hafens samt Burgruine und alten Befestigungsanlagen werde ich Zeuge eines weiteren Baders. Da es sich um einen Jugendlichen handelt, der unter lautem Johlen seiner Schulkameraden in Schuluniform ins Hafenbecken springt oder fällt, gehe ich davon aus, dass es ihm wie dem Hund am Strand geht und die Erfrischung nur bedingt freiwillig geschieht.

Heute übernachte ich im Dunmuir Hotel. Wie schon die Unterkunft der letzten Nacht verdanke ich diese herrschaftliche Residenz eigentlich Olli, mit dem ich den ersten Teil der Wanderung zurücklegen wollte und an den ich heute viel gedacht habe. Da der nicht mit konnte, die meisten Zimmer aber nicht mehr zu stornieren waren, komme ich nun in den Genuss von Schlafstätten, die ich mir sonst vermutlich nicht geleistet hätte. So lasse ich es mir also gutgehen.

Liebe Oma: Ich habe ein Dach über dem Kopf, esse viel und reichhaltig und hab sogar etwas Farbe im Gesicht bekommen.

Der Reisecomputer sagt heute 18,5 km und 178 Höhenmeter gelaufen bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 5,0 km/h.

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