Edinburgh — South Queensferry

Die Wettervorhersage ist wieder ganz gut, bewölkt zwar, aber der Regen sollte heute Nacht durchgezogen sein. Ich lasse mir Zeit beim Einpacken, frühstücke wieder mit meinem Schweden und stehe kurz nach 9 auf der Royal Mile – das High Street Hostel ist wirklich sehr zentral, direkt oben am Schloss – im Nieselregen. Hm, ok, das ist noch nicht im unangenehmen Bereich, aber dann eben Regenjacke an, Regenschutz über den Rucksack und los.

Statt dem offiziellen Wanderweg durch die Stadt zu folgen, hab ich beschlossen lieber auf möglichst direktem Weg den Stadtkern zu verlassen und weiter nord-westlich wieder auf den John Muir Way zu stoßen. Das ist zwar kürzer, aber dafür laufe ich ewig an der A90 entlang, was im stärker werdenden Regen sehr trist ist.

Man denkt ja, es ist schon lang, wenn man mit dem Auto eine halbe Stunde aus der Stadt braucht. Aber wenn man sich überlegt, dass das Auto im Stadtgebiet ungefähr 50 fährt, man als Fußgänger aber nur durchschnittlich 5 km/h läuft, dann braucht man für die selbe Strecke halt 5 Stunden. Und gefühlte 10, vor allem, wenn man sich noch an Bushaltestellen unterstellt, weil der Regen quantitativ inzwischen deutlich im unangenehmen Bereich angekommen ist.

Dazu kommt, dass sich seit gestern Abend in Halsdorf dunkle Wolken ballen und es mal wieder nach Gewitter aussieht. Das trägt auch dazu bei, dass ich den heutigen Vormittag als Stimmungstiefpunkt der bisherigen Reise identifizieren muss.

Irgendwann erreiche ich Davidson‘s Mains Park, wo ich die Spur des JMW wieder aufnehme. Bald bin ich im Stadtteil Barnton, einem exklusiven Villenviertel, in dem sich vor einiger Zeit J.K. Rowling ein Anwesen zugelegt hat.

Ich weiß natürlich nicht, wo genau, kann mir aber bei einigen Häusern gut vorstellen, dass das passen würde. Ich gehe durch die Auffahrt zum Haupthaus, betätige den schweren Messingklopfer und bitte J.K. um etwas Trinkwasser, obwohl ich eigentlich genug dabei habe. Auf den Regen deutend scherzt sie, es gebe doch genug Wasser draußen, um mich dann aber gutmütig auf einen Tee reinzubitten. Wir plaudern ein wenig über Harry Potter und wie es bei ihr und bei mir so läuft. Ich will dann auch mal wieder, sage ich nach dem zweiten Scone mit clotted cream und sie schreibt mir noch ihre Nummer auf, damit wir in Kontakt bleiben können.

Endlich bin ich wieder aus der Stadt raus bzw. durchquere ich diese Übergangszone von Stadt zu Land, die hier ja traditionell mit Golfplatz gefüllt wird. Der Golfplatz geht in Feldweg über. Hier gibt es nun wirklich gar nichts mehr zum Unterstellen und ich packe zum ersten Mal die Regenhose aus, das einzige Kleidungsstück, das ich mit mir trage, welches ich bei dieser Reise noch gar nicht anhatte.

Der Weg mündet in eine Art Parklandschaft und schließlich komme ich wieder ans Ufer des Firth of Forth, von wo bei langsam aufklarendem Wetter nun auch die Brücke(n) bei Queensferry ins Blickfeld rücken.

Als ich um halb drei in South Queensferry ankomme, hat sich die Sonne wieder ein gutes Stück Platz am Himmel erkämpft. Nach einem Telefonat mit Janice, meiner heutigen Airbnb-Gastgeberin, finde ich zu ihrem Haus, wo ich freundlich empfangen werde. Dass ich offensichtlich in Janice‘ Schlafzimmer untergebracht bin, stört mich nicht weiter, wenn es auch etwas gewöhnungsbedürftig ist, plötzlich auf dem Bett zwischen der Schuhsammlung, dem Seidenkimono und anderen eher persönlichen Utensilien einer mittelalten Dame zu sitzen.

Weil die Sonne sich jetzt doch noch mal Mühe gibt, verbringe ich den Rest des Nachmittags bis zum Abend draußen und besichtige den Ort, dessen Hauptattraktion die drei gigantischen Brücken über den Firth of Forth sind.

20,5 km, 174 Hm, 5,6 km/h

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