South Queensferry — Linlithgow

Obwohl es bewölkt ist, starte ich, nachdem ich mich von Janice verabschiedet und ihr versprochen habe, bei Airbnb eine Bewertung abzugeben, mit deutlich mehr Elan als gestern in den Tag, unterquere die dritte der Queensferry-Brücken und folge einer kaum befahrenen Landstraße direkt am Wasser aus dem Ort. Zwar muss ich ab und an ein bisschen uncool zur Seite springen, wenn doch mal ein Auto um die Ecke fegt, aber ich will auch nicht ständig zwischen Felsen und Sandflächen hin und her hopsen, um Priele und Seetangfelder zu umgehen.

Der Seegeruch ist wieder allgegenwärtig und der Gedanke, jetzt hier in Schottland wandern zu dürfen, obwohl man doch eigentlich arbeiten und Geld verdienen muss und obwohl zuhause zwei schulpflichtige Kinder betreut werden müssen und obwohl es tausend andere Gründe gäbe, warum ich jetzt nicht hier sein dürfte/müsste/könnte, lässt meinen Schritt ein wenig federn und die Mundwinkel (aber wirklich nur ganz kurz) Richtung Ohren wandern.

Während die Straße weiter an der Küste entlang führt, biege ich durch ein pompöses steinernes Tor hindurch auf ein adliges Anwesen, dessen Name ich auf der Karte als Hopetoun House ausmache und das dem lächerlich großen Eingangsportal nach zu schließen, das hier mitten in der leeren Landschaft steht, ziemlich wichtig sein muss. Hier gibt es neben Schafen, die wahrscheinlich als natürliche Rasenmäher geduldet sind, hauptsächlich Pferde und einen stattlichen Wildbestand.

Ich weiß nicht, ob das ‚toun‘ in Hopetoun die schottisch ausgesprochene Variante von ‚town‘ ist, jedenfalls reicht der Gedanke, es könne so sein, um mir einen neuen Ohrwurm – Easy Clubs Auld Toon Shuffle – zu bescheren, der mich in Ermangelung anderer auditiver Stimuli den Rest des Tages begleitet.

Weiter geht es durch lichten Laubwald, zur Rechten sieht man nun wieder das Wasser durch die Bäume. Bei all dem frischen Grün um mich her fällt das Grau des Himmels gar nicht mehr so auf. Das ist eine gute Zeit, um hier zu wandern.

Auf etwa halber Strecke der heutigen Etappe steht trutzig Blackness Castle. Ich verzichte auf eine Besichtigung und folge dem von hier gut befestigten Spazier- und Radweg durch den Ort Blackness hindurch, vorbei an einem am anderen Ufer liegenden Kriegsschiff bis Carriden, einem Vorort von Bo’ness, wo ich den JMW verlasse. Möglich, dass der Weg landschaftlich schöner ist als die Route, die ich einschlage, aber sie ist für mein heutiges Ziel, das Star & Garter Hotel in Linlithgow, eben auch die weniger umständliche und kürzere.

Jetzt muss ich also ein Stück auf der A904 laufen. Bei Muirhouses hab ich so Hunger, dass ich mich auf eine Bank an der Straßenkreuzung setze, den Kocher auspacke und die Nudelsuppe zubereite, die eigentlich für gestern Abend vorgesehen war … da hatte ich den Chicken- und Gemüse-Pakoras beim indisch-italienisch-schottischen Takeaway den Vorzug gegeben.

Die Straße ab hier ist zwar schmal und trotz aufgemalter Mittellinie eigentlich nur einspurig befahrbar, aber dafür ist auch nicht viel los und man hört die Autos früh genug kommen, um sich rechtzeitig seitlich in die Hecke drücken zu können.

Im einsetzenden Regen erreiche ich Linlithgow. Während ich gestern vielleicht länger mit dem Aufbruch hätte warten sollen, bin ich heute froh, früh genug losgegangen und ziemlich strack durchgelaufen zu sein, um dem Regen ein Schnippchen zu schlagen.

Ich versacke ein wenig im Hotelzimmer und verlege die Mittagspause mit meinem Buch in die Badewanne. Erst die Aussicht auf Joghurt, Obst und Blaubeermuffins sowie ein Facetime-Telefonat mit Fine und Mieke lassen mich dann doch irgendwann wieder aus dem heißen Wasser steigen. Und weil es abends nochmal aufklart, mache ich einen Spaziergang zum Linlithgow Palace, der neben vielen anderen alten Gebäuden von der bewegten Geschichte der Stadt zeugt.

Laufleistung heute: 20,5 km – 281 Höhenmeter – 5,2 km/h durchschnittl. Tempo

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