Bothy to Bothy

Es hat eine Weile gedauert gestern, bis ich gestern Abend eingeschlafen bin. Die Bothy bietet eine Liegefläche und da haben alle neben einander ihre Isomatten ausgebreitet. Und natürlich ist immer jemand dabei, der schnarcht, aber das hat mich gar nicht so gestört. Es war einfach schön da zu liegen mit einem Dach über dem Kopf und den Feuergeruch in der Nase. Es war auch schön, so viele Gespräche zu führen und Menschen zumindest ein bisschen kennenzulernen.

Nach einem improvisierten Frühstück geht es wieder auf den Weg, wo mich direkt so ein Trailrunner überholt. Das wär ja auch noch mal was … aber halt nicht für mich.

Der Weg geht immer dicht am Ufer des Loch Lomond entlang, teilweise ist er keinen halben Meter breit und es geht steil runter ins Wasser – völlig ohne Zaun oder Befestigung oder TÜV-geprüftes Geländer.

Nach einer Weile steht am Weg plötzlich ein Hüttchen, wo man Kaffee, Kuchen und Süßigkeiten kaufen kann. Sehr gemütlich und erst über Winter hier hingekauert, sodass es noch in keinem Reiseführer verzeichnet ist. Die supernette Frau, die hier hinter dem Tresen steht, war bis vor drei Jahren Verkäuferin in Glasgow und ist mit ihrem Mann hier ins Nichts gezogen. Jetzt haben sie sich mit dem Mini-Kaffee selbstständig gemacht. Wie schon in der Bothy gestern ist es erfrischend, Menschen mit ganz anderen Lebensentwürfen zu begegnen, die sehr selbstbestimmt ihr Ding machen. Hier begegne ich auch den Dresdenerinnen wieder und etwas später im Hotel in Inversnaid, wo ich für einen Tee und hauptsächlich eine richtige Toilette einkehre, ein Schweizer Pärchen, denen ich gestern und vorgestern auch schon mehrfach über den Weg gelaufen bin.

Zwischendurch klingelt das Telefon und Frau Damm aus der Wirtschaftsleitung will wissen, wieviel Stunden ich nächstes Schuljahr zu arbeiten gedenke. Was auch immer mit meinem Antrag passiert ist, den ich Ende Januar gestellt habe, es ist so skurril, mitten im Wald über Loch Lomond blickend dieses Gespräch zu führen.

Im Hotel in Inversnaid, wo nach einiger Zeit auch die deutsche Reisegruppe aus der Bothy aufschlägt, mache ich es mir in der Bar gemütlich, bestelle Tee und später auch noch Suppe und ein Sandwich. Weil ich mich morgen Mittag mit Laura in Inverarnan treffe, werde ich heute nicht viel laufen, was im Hinblick auf die Wettervorhersage, die für heute Nachmittag starke Regenfälle ankündigt, ganz angenehm ist. So beschließe ich, die kommende Nacht in der zweiten Hütte auf dem Weg zu verbringen, Doune Byre Bothy.

Die folgenden Kilometer werden auf meiner Karte als herausforderndster Teil des WHW beschrieben. Der Pfad ist sehr matschig, häufig muss man über Felsen und Wurzelberg steigen und es geht ständig steil auf und ab. Hier kann ich den Vorteil meiner langen Beine optimal ausspielen und den Mangel an Wanderstöcken, die hier viele haben, ganz gut ausgleichen. Der Regen würde hier wohl als light drizzle bezeichnet werden, um mal eins der 400 schottischen Worte für dieses Wetterphänomen zu benutzen. Mit Regenjacke wäre ich aufgrund der Transpirationsemission schneller von innen nass als es der Regen schaffen würde, zumal die Körperwärme die Tropfen sofort verdampfen lässt.

 

Ich komme beim Laufen auf dem schwierigen Weg ein bisschen in ein Flow-Gefühl, völliger Tunnelblick, bis plötzlich drei Meter vor mir wieder eine neonfarbene Regenjacke auftaucht. Das Klettern hat vielleicht etwas die Fähigkeit trainiert, relativ schnell vorauszusehen, wo zwei drei Schritte weiter am besten der rechte und wo der linke Fuß sein sollte, um das Bewegungsmoment am besten zu nutzen Balance zu halten.

Andere Techniken wie am langen Arm zu hängen, wenn man sich an überhängenden Ästen und Baumstämmen festhält, helfen nur bedingt, weil hier knapp 20kg Rucksack mehr am Arm ziehen als gewohnt.

Ich bin froh, am frühen Nachmittag die Bothy zu erreichen und den Rest des Tages dort zu verbringen. Wanderer kommen und gehen den Tag über. Schließlich besteht die Nachtbelegung aus einer Gruppe Kanadier aus Québec sowie einem Paar, das heute erst in Schottland angekommen ist, und Friederike aus Dresden, die nach dem West Highland Way auch noch den Great Glen Way anpeilt.

Erst gegen Abend hört der Regen auf und die Gemütlichkeit nimmt deutlich zu, als wir ein Feuer machen, an dem dann alle ihre durchnässten Schuhe trocknen.

13 km – 389 Hm – 3,8 km/h

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