Inverness — Foulis Castle

Der letzte Abschnitt meiner Wanderung, der John o’Groats Trail, beginnt in Inverness und führt größtenteils unmarkiert über kleine Straßen und Wege bis an die nördlichste Spitze der Insel.

Das erste Stück aus der Stadt heraus folgt der Weg dem Verlauf des River Ness, der hier in den Beauly Firth mündet. Bald verlasse ich die Wohngebiete und laufe durch Hafenanlagen und Tanks der Caledonian Oil. Ziemlich deplaziert steht inmitten der Industrieanlagen Cromwell Tower, ein letzter Überrest der alten Zitadelle aus dem 17. Jahrhundert.

Nach einigem Suchen finde ich einen Aufgang zur beeindruckenden Kessock Bridge, die den Moray Firth überquert und mich damit auf die Black Isle, die Halbinsel nordöstlich von Inverness, bringt, die ich heute durchwandern werde.

Am anderen Ufer erwarten mich die ersten Hindernisse. Der Weg ist als solcher zwischen den Sträuchern kaum noch zu erkennen und Abzweigungen finde ich nur, weil ich stetig mit einem Auge auf mein Navi gucke. Die in der Wegbeschreibung angekündigte Holzleiter über einen Zaun existiert nicht, sodass ich irgendwann meinen Rucksack einfach drüberwuchte und selbst hinterher steige. Und als es heißt “The track eventually fades out, keep going close to the left edge of the grassy field where it is less boggy.” muss ich mich durch nasse Ginsterhecken drücken, die mir bis über den Kopf reichen.

Dann erreiche ich eine Wiese, die mit Zuckerwatte bestreut zu sein scheint. Als ich etwas davon aufhebe, bestätigt sich mein Verdacht, dass es sich um Schafwolle handelt, und wenig später erreiche ich tatsächlich endlich einmal wieder eine bewohnte Schafweide, die den Vorteil hat, dass das Gras hier schön kurz ist und man Wasserlöcher sieht, bevor man darin steht.

Ein Rebhuhn (oder ist das ein Moorhuhn oder gar ein Fasan?) läuft aufgeschreckt davon, als sich der Blick über die Munlochy Bay öffnet. Bei Flut oder nassem Wetter wird hier eine Waldumleitung vorgeschlagen, aber da die in der Sonne glitzernden Sandbänke für mich deutlich nach Ebbe aussehen, gehe ich den Weg an der Bucht entlang und erreiche nach einem Stück entlang der B9161 den Ort Munlochy, wo ich bei Pie und Obstsalat pausiere.

Von hier steigt der Weg an, bis ich in einem kleinen Waldstück zum Clootie Well gelange. Dies ist ein Ort, wo Pilger traditionell die Lumpen eines Kranken an einen Ast knoten, damit dieser gesund wird. Da ich nur meine eigenen Sachen dabei habe, kann ich das leider nicht ausprobieren.

Ich folge einer Forststraße, die eine Ewigkeit geradeaus durch den Wald führt. Dann wieder Felder, dann wieder Wald. Irgendwo mache ich Pause und merke plötzlich, wie still es um mich ist. Nur Vögel sind hier zu hören und überhaupt keine Autos, bis irgendwann ein Rasenmäher anspringt und eine Mücke, die ich leider nicht höre, aber fühle, als sie mein Bein aussaugt, die Rast beendet.

Bald tauchen am Horizont die schneebedeckten Bergkuppen des Ben Wyvis auf. Zwischendurch riecht der Nadelwald in der Sonne wie Urlaub am Atlantik. Und vermutlich sind die Pinien von Pin Sec an der französischen Atlantikküste Cousins zweiten Grades der hier verbreiteten Scots Pines.

Um halb drei komme ich in Culbokie, dem nominellen Ziel der heutigen Etappe an, koche mir einen Tee und beschließe, auf jeden Fall noch weiterzulaufen und die Black Isle heute noch hinter mir zu lassen, indem ich den Cromarty Firth auf der knapp 1,5 Kilometer langen Cromarty Bridge überquere. Dieser Weg auf der Brücke, etwas zerzaust vom Seewind und dem Fahrtwind direkt neben mir vorbeidonnernder LKW, ist heute mein Highlight. Die Brücke ist nicht besonders hoch, aber so mitten über dem Nordseearm in der Sonne, rundherum die schöne Landschaft, das versetzt mich in Hochstimmung.

Ich tausche mich mit einem Wanderer aus, der mir entgegen kommend den  JOGT fast beendet hat, allerdings humpelt, weil er Probleme mit den Fußsehnen hat.

Nach einem unangenehmen Stück Weg direkt an der A9 entlang komme ich wieder auf weniger verkehrsreiche Straßen und beginne nach einem Zeltplatz zu suchen, den ich schließlich in der Nähe eines sehr herrschaftlich aussehenden Anwesens, Foulis Castle, wie ich dem GPS-Gerät entnehme, finde.

☀ – 33 km – 629 Hm –5,5 km/h

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