Foulis Castle — Tain Hill

Ich erwache in einem Nebelmeer.

Guter Anfangssatz. Aber bisschen schwierig, einen würdigen Anschluss zu finden, merke ich. Also ganz prosaisch weiter, Porridge und Tee machen, Sachen packen, los. Heute Morgen wünschte ich, ich hätte Reflektoren oder ein Fahrradlicht oder so etwas am Rucksack. Die ersten Kilometer bis Evanton muss ich nämlich auf der Straße laufen und die Sichtverhältnisse sind echt nur so mittel gut.

In Evanton geht wohl bald die Schule los, denn jede Menge Grundschüler kommen mir zu Fuß oder auf dem Rad entgegen. Da muss ich an Fine und Mieke denken, die jetzt auch gerade zur Schule gehen und vermisse sie gleich noch einmal mehr als ohnehin schon.

Von hier folge ich einem Radweg, der mal links, mal rechts, mal direkt neben und mal etwas weiter entfernt an der Straße entlang führt, bis nach Alness. Inzwischen hat sich auch die Sonne durch den Nebel gekämpft. In Alness erledige ich die drei K der modernen Frau – Klo, Kaffee, Kippe (Das hab ich von Anne, die sich den traditionellen Ks – Küche, Kirche, Kinder – ziemlich konsequent verweigert) – na ja, auf die Zigarette verzichte ich und kaufe stattdessen Wasser, weil ich den Bächen in landwirtschaftlich genutzten Gebieten trotz Wasserfilter nicht so recht traue.

Im Café Picante haben sie beides, Country und Western, nein coffee black or white, aber keinen Latte, nach dem ich schnöselig gefragt habe. Ich wollte ja eigentlich auch einfach Kaffee mit Milch, kein Problem, also white. Ein Mann so um die 60 kommt rein, lässt sich von der Bedienung, die ich auf Mitte 20 schätze, Tee und Toast bringen und es scheint, dass sich die beiden gut kennen oder nahe Verwandte sind, denn er drückt sie zur Begrüßung an sich, als sie sein Frühstück auf den Tisch stellt. Leider kann ich so gut wie kein Wort verstehen, das der Mann sagt, obwohl sie wohl Englisch miteinander sprechen, zumindest entnehme ich das den Gesprächsanteilen der jungen Frau. Als er fertig ist, umarmt er sie erneut und diesmal kommt es mir vor, als sei ihr das etwas unangenehm, und er geht auch nicht, sondern kommt zu ihr an den Tresen, um sich noch einmal körperlich zu verabschieden. Dann verlässt er mit vielen Worten, deren Bedeutung sich mir in keiner Weise erschließt, den Laden und ich bin erstaunt, wie freundlich nachsichtig ihr Tonfall bleibt. Ich trinke noch meinen Kaffee aus und will gerade aufstehen, als der Mann schon wieder in der Tür steht, diesmal mit einer langstieligen roten Rose, die er bei der Bedienung gegen eine weitere Umarmung eintauscht. Was er auf ihr “You shouldn’t have.” erwidert, verstehe ich nicht, aber dass sie ihn loswerden will, ist ihrer etwas eindringlicher werdenden Stimme anzumerken. Ich weiß nicht so richtig, wer von den beiden mir mehr leid tut oder was die Lektion aus dem Erlebten sein soll. Jedenfalls verlasse ich etwas nachdenklicher als zuvor das Café.

Dann beginnt die Wanderung auf einer endlosen Landstraße. Viel geradeaus, keine Steigung, wenig Abwechslung: mal ein Haus, mal ein Hof, ansonsten Wiesen, Weiden, Wälder. In einem schattigen Waldstück mache ich nach ein paar Kilometern Rast und entdecke eine Zecke unter dem Socken am Knöchel, die ich mit dem Zeckenhobel (Zeckenzange ist ja sooo 2000er) professionell entferne. Hab ich den auch benutzt – sehr gut. Ich esse einen Apfel und schlittere plötzlich ganz unvorbereitet in einen Moment völliger Bedürfnislosigkeit. Ich bin satt, nichts tut weh, es ist warm genug, ich sitze im Schatten, mir fehlt nichts. Ich brauche gerade keinen Kontakt zu Menschen, bin mir selbst genug und mit mir zufrieden. Auch schon länger her, dass das alles so war. Und es wird auch nicht lange anhalten, da mache ich mir keine Illusionen, aber jetzt gerade ist das egal und einfach gut.

Nach der Pause biege ich von der Straße rechts in den Wald ab. Der Weg variiert im Grad der Sumpfig- und Zugewachsenheit. Es gibt auch kurze Strecken, wo er nichts von beidem ist, dann wieder kommt beides zusammen. Ich laufe an einem pechschwarzen Tümpel vorbei – vermutlich ein Portal in ein Paralleluniversum, aber darauf hab ich heute keine Lust. Mein eigenes Leben in dieser Welt ist ja gerade auch ganz ok.

Bei der Scotsburn Farm wird ein riesiges Areal für ein Springreitturnier vorbereitet. Und das ist nicht nur ein langweiliger Platz mit ein paar Holzgerüsten, sondern zusätzlich gibt es einen groß angelegten Parcours mit wundervoll fantasievollen Hindernissen, Gräben und ideenreicher Streckenführung durch die natürlichen Gegebenheiten der Landschaft.

An einer alten Wassermühle passiert es mir zum zweiten Mal an diesem Tag, dass ich die richtige Abzweigung verpasse. Wieder treffe ich kurze Zeit später auf einen Ortskundigen, der mich darauf hinweist, dass ich ja wohl auf dem Wanderweg sein sollte, und der mir zeigt, wie ich trotzdem wieder auf den richtigen Pfad komme, ohne zurück zu müssen. Beim ersten Verlaufen hat mich eine Dame kurzerhand durch ihren Garten geführt und durch die Hintertür wieder hinausgelassen, von wo ein Trampelpfad zurück auf den Weg führte.

Vom weiteren Weg aus bieten sich ab und zu Blicke auf die Bohrinseln im Dunst des Cromarty Firth, ansonsten sehe ich außer Nadelbäumen und Stechginster wenig. Menschen gar keine. Die Wanderer sind hier wieder so selten geworden wie zu Beginn meiner Reise. Wenn man einen trifft, wie heute kurz hinter Alness, bleibt man kurz stehen, um zumindest ein paar Floskeln hin und her zu werfen. Hätte man das auf dem West Highland Way mit jedem Rucksackträger gemacht, wäre man niemals irgendwo angekommen.

Bei einer Ruine am Wegesrand, es könnte einmal ein Haus mit einem Stall gewesen sein, ist es Zeit, das Zelt aufzuschlagen, denn bis Tain kann es nicht mehr weit sein. Ich lehne mich in der Spätnachmittagssonne an einen der Mauerreste und lese. Ab und an kommen ein Spaziergänger mit Hund, mal eine Reiterin, mal ein Fahrrad vorbei, aber wenn man nicht genau hinguckt, sieht man das Zelt vom Hauptweg gar nicht. Später gibt es Linsen und Speck aus der Tüte und die Vögel singen mir ein Gutenachtlied.

☀ – 30 km – 344 Hm – 4,9 km/h

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