Wick — Nybster

Heute wird der Rucksack noch einmal schwer beladen mit Wasser und Essen für zweieinhalb Tage plus Wanderschuhe. Ich klebe – eher zur mentalen Unterstützung – ein Blasenpflaster auf den kleinen Zeh und habe das Gefühl, dass der darüber ein bisschen kichern muss. Irgendwo hab ich gelesen, heute sei National Fish‘n’Chips Day. Dann guten Appetit.Am Ortsausgang von Wick ist ein riesiger Tesco und spontan springt mich die Lust auf ein zweites Frühstück an. Das ist ja das Schöne am Alleinreisen, dass man das machen kann, statt für eventuelle Reisegefährten mit vernünftig sein zu wollen und weiterzulaufen, weil man ja gerade erst los gegangen ist.

Obwohl ich dem Frieden um meine Füße in den Turnschuhen noch nicht so richtig traue, stellt sich bald ein angenehmes Glücksgefühl beim Laufen ein. Ich bin froh, aus Wick raus zu sein und wieder voranzukommen. Irgendwie hat spätestens gestern der Weg aufgehört, das Ziel zu sein, und es ging nur noch ums Ankommen. Es ist aber auch zu blöd, auf der Straße zu laufen. Immerhin gibt es jetzt auch keinen Grasstreifen mehr an der Seite, sodass ich entgegenkommenden Autos nicht mehr höflichkeitshalber darauf ausweichen kann.

Bei Reiss biegt die A99 scharf nach rechts ab und nähert sich wieder der Küste. Ich konsultiere Wegbeschreibung und GPS. Mein Fuß behindert mich kaum bis gar nicht, sodass ich die ersten 6 Kilometer in einer guten Stunde geschafft habe. Wenn ich an der Straße so weitergehe, bin ich in einer weiteren Stunde am Tagesziel. Und dann? Auf einer nebligen Wiese den noch sehr langen Rest des Tages im Zelt liegen? – Alles spricht dafür, auf den längeren Küstenweg zu wechseln und mir dort Zeit zu lassen.

So ziehe ich die Wanderschuhe wieder an, jammere nicht rum und stoße beim Wick Golf Club auf den JoGT, der ab hier erst einmal am Strand lang führt. Das funktioniert sehr gut, bis ich zur Mündung des River of Wester komme. In meiner Wegbeschreibung stand, dass der selbst am Strand noch recht tief ist. Die nächste Brücke ist einen guten Kilometer entfernt an der A99. Also Schuhe aus, Hose ganz weit hochgekrempelt und dann wate ich durch den Fluss. Gut, dass ich so lange Beine habe.

Ich weiß gar nicht, wieviel ich insgesamt gelaufen bin, 500 Meilen kommen vielleicht hin, jedenfalls singe ich heute am Strand laut I’m gonna be (500 miles) von den Proclaimers. Eh unglaublich, dass hier überall kilometerlanger schönster Sandstrand ist und kein Mensch weit und breit. 

Irgendwann wird es kühler, Nebel schiebt sich vom Meer her über die Küste und gleichzeitig merke ich zwei Momente lang, dass dies die best-riechendste, frischeste Luft ist, die ich je geatmet habe (warum nicht mal ein Superlativ?).

Aus dem Sandstrand wird nach einigen Kilometern ein Steinstrand und dann taucht eine Reihe von Betonquadern auf, die nach der Annektierung Norwegens hier samt Minen in den Dünen befestigt wurden, um deutsche Panzer an einer Invasion der Insel von Norden zu hindern.

Der Hafen von Keiss liegt im Nebel. Außer einem vereinzelten Möwenschrei ist es völlig still und ich fühle mich aus der Zeit gerissen. Gibt es das denn noch, dass Fischer mit so einem winzigen Kutter ausfahren und dann in ihr 50-Seelen-Dorf heimkehren? Wird man darüber in 20 Jahren staunen?

Kurz hinter dem Hafen komme ich an den Resten eines Brochs vorbei und noch ein Stück weiter erhebt sich Keiss Castle aus dem Nebel. Schade, hier hätte man bei besserer Sicht tolle Fotos machen können. Das findet ein Pärchen aus Glasgow auch, die auf der NC500 unterwegs sind. Das fänd ich eigentlich auch ganz reizvoll mal mit dem Auto oder Rad zu machen.

Und dann sehe ich den Wal. Er treibt, den weißen Bauch nach oben gekehrt, in der Brandung zwischen den Steinen und ist offensichtlich tot und hier gestrandet. Meiner bescheidenen Walerfahrung aus Kanada zufolge könnte es sich bei dem 5 oder 6 Meter langen Exemplar um einen Minkwal handeln. Der Anblick ist zu traurig, um davon ein Foto zu machen.

Leider sind die fantastischen Felsformationen der Steilküste im Nebel nur zu erahnen. Wieder führt der Weg an der Abbruchkante entlang und kurz vor Nybster komme ich an ein Plateau, wo nur wenig Gras wächst und verschiedene trockene Moosarten einen ebenen und weichen Zeltplatz für mich gestaltet haben. Hier bleibe ich. Und abends kommt tatsächlich auch noch einmal die Sonne hervor, sodass ich erst richtig sehen kann, wo ich hier eigentlich bin.

Morgen werde ich dann schon am Ende meiner Wanderung angelangt sein. Einerseits bin ich ganz zufrieden mit mir, das geschafft zu haben, andererseits macht es auch ein wenig wehmütig, hier an den Klippen zu sitzen, aufs Meer zu sehen und zu wissen, dass bald der Ernst des Lebens wieder losgeht. Und ich hab die letzten Tage oft gedacht, dass ich Fine und Mieke gern das Land und diese Art zu reisen näherbringen möchte.

🌥 – 20,5 km – 194 Hm – 4,7 km/h

4 Antworten auf „Wick — Nybster“

  1. Lieber Jens,
    seit ich mitgekriegt habe, dass es diesen Blog gibt, verfolge ich täglich mit ganz viel Mitfreude und auch so mancher Träne im Auge deine Berichte über deine vielfältigen Erlebnisse in der Außen- und die dadurch hinterlassenen Eindrücke in deiner Innenwelt, die du hier in deiner gewohnt jensigen Art – locker-lässig, immer ehrlich mit leichtem Hang zur Selbstironie, dabei trotzdem auch nachdenklich und selbstreflektiert – mit uns teilst. Die schönen Fotos und musikalischen Begleiter tun ihr Übriges und das Fernweh nach Schottland ist da, hach ich wusste ja, dass es so kommen würde. My heart’s in the Highlands, my heart ist not here…
    Jedenfalls danke, dass du uns an all dem teilhaben lässt, ich genieße das Mitlesen wirklich sehr. Ich wünsche dir noch eine gute Restreise und einen gelungenen Absprung zurück ins Alltagsleben, wir sehen uns ganz bald

  2. Guten Tag,
    der Zufall hat mich auf Deine Seiten gebracht.
    In der Zusammenschau so sympathisch: Grafik, schöne Bilder, gute Texte, alles gelassen und zum Glück nicht aufgeblasen. Interesse am Leben, vieles deckungsgleich, freundlich. Da wird mir warm.

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