All good things must come to an end

Was für ein Morgen! Das Rauschen der Brandung, das mich heute Nacht in tiefen Schlaf gelullt hat, bekommt hier draußen ein Gesicht, als ich aus dem Zelt klettere, um meine Notdurft zu verrichten. Der Nebel ist völlig verschwunden und hat die Bühne für einen zartrosa Sonnenaufgangshimmel frei gegeben, vor dessen Hintergrund sich das Zelt hier oben auf den Klippen und ein Fischerboot unten im Wasser dunkel abheben. Der Wind duftet nach Salz und Heide. Es ist so schön, dass es ein bisschen wehtut. Was für eine großartige Erfahrung diese Wanderung gewesen ist, was ich alles sehen und erleben durfte!

Mich noch einmal schlafen zu legen gelingt mir nicht und so bereite ich mein Frühstück zu und mache mich auf, um die letzte Etappe in Angriff zu nehmen.

Bereits gestern habe ich den nahegelegenen Broch mit dem vorgelagerten Mervyn Tower besichtigt, sodass ich heute Morgen daran vorbei gehe. Wieder ist die Küste von steilen Klippen, Felstürmen im Meer, so genannten sea stacks, und geos, also Nischen und Buchten verschiedener Größe geprägt.

Vor allem die Felssäulen am Wasser sehen äußerst einladend zum Klettern aus, aber ich kann mich beherrschen – wäre vielleicht ohne Sicherung auch zu gefährlich.

Die Ruine von Bucholly Castle thront dramatisch wie eine alternde Diva auf einem Felsvorsprung, der wohl mal über eine Zugbrücke mit dem Festland verbunden war. Hier kann ich mich jetzt aber doch nicht beherrschen und klettere hinüber, um ein paar Fotos zu machen.

Bald darauf erreiche ich Freswick Mains mit dem deutlich weniger spektakulären Freswick Castle. Hier überquere ich den Freswick Burn, um dann am Strand Freswick Bay zu umrunden. Dann lasse ich sämtliche Freswicks hinter mir.

 

Die Klippenküste ist wieder phänomenal – Geos und Sea stacks wechseln sich ab und als ich Pause mache, um den Möwen und Austernfischern bei ihren waghalsigen Flugmanövern zuzusehen und meine Käse- und Haferkeksration zu essen, merke ich erst, dass die Mauer, auf der ich sitze, schon wieder ein tausend Jahre alter Broch ist.

Etwas weiter nördlich sehe ich, wie sich etwa 20 Robben auf den flachen Felsen in Küstennähe sonnen. 

Ja, die Sonne scheint schon wieder! Und so ist bestes Fotolicht, als ich die ikonischen zwei Vogelfelsen Peedie Stack und Muckle Stack vor Duncansby Head erblicke und ganz oben den Leuchtturm, der den nordöstlichsten Punkt Großbritanniens markiert.

Von hier ist es nicht mehr weit bis in den Ort John o’ Groats, wo ich nach kurzem Suchen den legendären Wegweiser finde, vor dem sich hier alle fotografieren lassen. Ein bisschen stiehlt mir eine Amerikanerin, welche wohl die Land’s-End-JoG-Route gemacht hat, die Show, die – warum auch immer – in diesem Moment mit einem Dudelsackspieler und Polizeieskorte in John o’ Groats Einzug hält. Mein Vorsatz, mir hier am Ziel etwas zu gönnen, ist gar nicht so leicht umzusetzen und der Ort, wenn man die Ansammlung von Souvenirläden so nennen mag, ist offen gesagt etwas enttäuschend. Schließlich hole ich mir an einer Bude Burger und Chips und danach in einem Café noch einen Kaffee mit warmem Brownie. Das ist doch schonmal was. Im Laufe des Nachmittags zieht wieder Nebel auf und ich bin froh, während des Wanderns heute wieder so ein Sonnenglück gehabt zu haben.

Meine Nachbarin auf dem Zeltplatz ist eine Gärtnerin aus Bristol, die mit dem Rad unterwegs ist. Ich lade sie auf einen Tee ein – meine vorletzten zwei Teebeutel – und wir verstehen uns prächtig, sodass der Rest des Tages nicht langweilig wird.

Morgen mache ich einen Tagesausflug auf die Orkneys und werde dann den letzten Bus nach Inverness nehmen.

🌤 – 20 km – 308 Hm – 4,4 km/h

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