Orkney

Sieht aus, als würde mir ein authentischer Orkney-Tag beschert. Nichts von diesem sommerlichen Touristenausflugsquatsch, sondern ehrliche Nordsee-Nebelsuppe bei 12 Grad Außentemperatur. Wenn ich von der Fähre aus die Orcas sehen will, müssten die schon das Schiff rammen. Das kann ein richtig schöner herbstlicher Juni-Tag werden.

Während ich noch Ölzeug und Südwester für die 40-minütige Überfahrt zurechtrücke, ergießt sich über den Pier eine Busladung Amerikaner samt weißen Turnschuhen, Rollatoren und markant-unangenehm geknurrten Rs, jenen nicht anders als hässlich zu nennenden uvularen Frikativen, die auf der objektiv-ästhetischen Klangskala die Antipoden der prächtig gerollten Rs schottischer Färbung darstellen.

Unser Busfahrer auf Orkney ist ein ehemaliger Fischer, lebt seit 25 Jahren auf der Insel und sehr unterhaltsam. Wir umrunden den natürlichen Hafen von Scapa Flow, der in beiden Weltkriegen strategische Bedeutung für Großbritannien hatte und deshalb Ziel deutscher U-Boot-Angriffe wurde. Die gesamte Geschichte (Selbstversenkung der deutschen Flotte usw) muss man woanders nachlesen.

Weniger historisch relevant, aber für mich nicht uninteressanter ist die Destillerie von Highland Park, an der wir allerdings nur vorbei fahren. Hmm, definitiv einer meiner Lieblingswhiskys.

Eine gute Stunde Aufenthalt haben wir in Kirkwall, der Hauptstadt der Inseln, wo ich im The Reel, einem traditional music-affinen Kulturcafe, einen Handzettel entdecke, dass die großartige Karen Tweed hier im Januar einen Workshop für Kinder gegeben hat.

Der nächste Stop auf der Rundfahrt ist die Steinzeitsiedlung Scara Brae, deren Name einer Generation von Computerspielern als die Fantasy-Stadt aus The Bard’s Tale bekannt ist.

Es geht weiter zum Ring of Brodgar, dem größten von drei prähistorischen Steinkreisen auf Orkney. So richtig will die mystische Energie des Ortes nicht fühlbar werden auf dem ausgetretenen Rundweg voller buntbejackter Touristen, (ja, ich weiß) derer ich einer bin. Im Bus geht es über die Insel zurück zum Hafen, während Allan der Busfahrer Geschichten von der Insel erzählt. Sein erstaunliches Repertoire reicht dabei von Hexenlegenden über lokale Bräuche bis zu selbsterlebten Anekdoten.

Wieder auf der Fähre gehe ich direkt an Deck, um Fotos zu machen, wie wir den Hafen verlassen und schließlich die Bucht. Die See ist hier im Pentland Firth ziemlich unruhig, aber die Sicht ist besser als auf dem Hinweg. Eigentlich könnte ich die Handschuhe anziehen. Die Handschuhe sind im großen Rucksack … der Rucksack! Der ist noch im Laderaum vom Bus auf der Insel!!! Kurzer Panikschub. Wie konnte ich den nach wochenlangem täglichem Tragen vergessen? Da ist alles drin: Zelt, Schlafsack, Zahnbürste – ohne den kann ich auch nicht in JoG übernachten, außerdem habe ich ja direkt im Anschluss an die Fährüberfahrt die Busfahrkarte nach Inverness und dort ein Bett im Hostel. Ganz großer Mist. Also klopfe ich beim Kapitän an die Kajütentür und trage mein Anliegen vor. Der blickt zurück und stellt fest, dass der Bus inzwischen auch nicht mehr am Hafen steht. Es hilft ja nichts, sage ich, da ist alles drin, ich brauche den Rucksack. Und dann dreht er tatsächlich das Boot um, einer der Matrosen hat die Handynummer von Allan dem Busfahrer und ich bekomme meinen Rucksack wieder! Die Dankbarkeit überwiegt bei Weitem das Gefühl von Peinlichkeit, das sowieso schnell verfliegt, weil alle das mit Humor nehmen. Puh, knappe Kiste.

Die Busfahrt nach Inverness führt über Wick, Lybster, Latheronwheel und Dunbeath bis zur Zickzackstraße von Berriedale die Strecke entlang, die ich etappenweise an der Straße gelaufen bin. Und statt wie erwartet müde zu sein und ein wenig zu dösen, verfolge ich die nächsten drei Stunden wie beim Zurückspulen einer Videokassette all die Orte meiner Tour seit Inverness: Golspie, Brora, Helmsdale und so weiter und auch die wunderbaren Firthbrücken darf ich noch einmal wiedersehen.

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