Dowlaw — Cockburnspath

Es hat tatsächlich die ganze Nacht nicht geregnet und das Zelt ist dank ausreichender Belüftung durch die steife Seebrise komplett trocken, als ich meine Sachen zusammenpacke. Es ist zwar recht kühl, aber hin und wieder lugt schon die Sonne aus den Wolken hervor und ich bin sehr froh, dass ich den ersten Außeneinsatz unter idealen Bedingungen beenden kann, denn es braucht Zeit und Platz, bis alles verstaut ist. Keine Ahnung, wie das gehen soll, wenn es morgens mal länger regnet.

Ich verlasse Dowlaw und stelle fest, dass ich dem Ort gestern unrecht getan habe: Neben dem Hof gibt es auch noch eine Häuserreihe, in der zum Beispiel der Farmer von gestern wohnt, dem ich auf dem Weg Richtung Cocksburnpath noch einmal begegne und berichte, dass ich die Nacht ohne Dachspöbeleien überstanden habe.

Ich verstehe jetzt, warum alle Wegbeschreibungen, derer ich habhaft werden konnte, den Coastal Path von Norden nach Süden beschreiten: So wie ich laufe, kommt der Wind immer von vorn. Übrigens, eine Beschreibung, die falsch herum ist, nützt genau gar nichts. Die lässt sich nicht umgekehrt lesen. Ich erleichtere mich an der nächsten Mülltonne also nicht nur der Essensverpackungen, sondern auch der ausgedruckten Routenübersicht. Der Weg ist seit der Grenze ohnehin ganz gut ausgeschildert und wenn ich mir unsicher bin, gucke ich auf das GPS-Gerät.

Da im Frühjahr Lamm-Zeit ist, sind einige Felder für den Durchgang gesperrt, was mir einige Umwege beschert. Ich versuche den Feldern mit Schafen, so gut es geht, auszuweichen und muss dadurch mehrere Stacheldrahtzäune überwinden. Dabei rechne ich mir durch den Rucksack einen Malus von -1 an, den ich aber durch einen Bouldertrainingsbonus von +2 wieder gutmache. Das Vermeiden der Schafe und Lämmer macht allerdings wiederum die vermehrte Nutzung von Kuhweiden unausweichlich.

Aber man gewöhnt sich auch an Kühe. An die, die nur von Weitem gucken, relativ schnell – an die mit den Hörnern, die auf einen zugelaufen kommen, etwas langsamer.

Da ich nur noch ganz wenig Wasser habe, überwinde ich das unangenehme Gefühl, fremden Menschen zur Last zu fallen, und betätige den messingfarbenen Türklopfer, der wie ein Eichhörnchen geformt ist, bei einem der beiden Häuser in Old Cambus West Mains. Ein oder zwei Hunde fangen im Haus an zu bellen und eine Frau öffnet die Tür einen Spalt breit und blickt heraus. Statt der im Vorfeld sorgsam zurechtgelegten Entschuldigungs- und Bitt-Formulierungen, entweicht meinem Mund ein heiseres Krächzen. Ach ja, vielleicht sollte man die Stimme mal ausprobieren, bevor man sie das erste Mal am Tag gebraucht. Die Tür geht wieder zu, aber anscheinend hat man mich verstanden, denn ich höre ein Rumpeln im Haus, das ich als Wegsperren mehrerer Hunde deute, woraufhin die Tür wieder aufgeht und ich von einer sehr dicken Frau freundlich begrüßt werde. Meine Flasche wird aufgefüllt und wir unterhalten uns ein wenig, wobei ich in sehr kurzer Zeit sehr viel über die Vergangenheit und das jetzige einsame Leben der Dame erfahre. Sie hat allem Anschein nach noch viel länger mit niemandem mehr geredet als ich.

Mit frischem Wasser ausgestattet mache ich bald Rast in den Überresten der St. Helen’s Chapel aus dem 16. Jahrhundert.

Von dort geht es wieder direkt an der Küste entlang bis Pease Bay, eine Bucht, die von einem weiteren Caravan-Park dominiert wird. Laut der Wasser-Frau kann man hier mit etwas Glück Delfine sehen, und tatsächlich …

Es ist jetzt Mittag. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht weiß, ist, dass etwa eine halbe Stunde von hier landeinwärts meine heutige Airbnb-Unterkunft ist. Irgendwie bin ich aus der Beschreibung nicht so recht schlau geworden und weil als Ortsname Cockburnspath angegeben ist, laufe ich erstmal dorthin und sehe dann weiter – vielleicht nicht der weitsichtigste Plan, aber was soll’s.

Eine Bucht weiter erreiche ich Cove Harbour.

Hier stoße ich auf den Southern Upland Way, der ein Stück parallel zum Berwickshire Coastal Path verläuft und dem ich vom Meer weg, unter der Eisenbahnstrecke und der A1 hindurch, bis Cockburnspath folge. Der Ort ist nicht groß und meine erste Anlaufstelle Cockburnspath Village Store and Post Office. Ich rufe Angela, meine Airbnb-Gastgeberin an, die – wie ich jetzt sehe – schon versucht hat, mich per Email zu erreichen. Glücklicherweise bietet sie an, mich abzuholen, sodass ich die anderthalb Stunden bis Pease Bay nicht zurücklaufen muss.

18 km, 765 Höhenmeter, 3,2 km/h

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