Tain Hill — Dornoch

Mit Sonne auf dem Zelt aufzuwachen, ist schon mal ein guter Anfang des Tages, wenn es auch erst kurz nach 6 ist. Ich probiere noch ein bisschen liegenzubleiben, aber es wird ungemütlich warm im Zelt, zumindest in meinem Nordpolexpeditionssschlafsack, und ich bin von den letzten zwei Tagen ohne Dusche verschwitzt genug. Kaum habe ich mich auf den Weg gemacht, komme ich an einem Bach vorbei, der mich zum Waschen und Erfrischen einlädt. Läuft heute wieder.


Weil es noch früh ist und ich keine besonders lange Strecke habe, folge ich einem Wegweiser zum Dog’s Grave, was immer das sein mag. Gar nicht weit vom Weg finde ich dann unter einem Baum einen Grabstein, der tatsächlich 1928 für einen Hund errichtet wurde.

Ich verlasse nach wenigen Kilometern den Wald und komme eine lange, von Ginster gesäumte Straße bergab laufend nach Tain. Genau richtig zum zweiten Frühstück lasse ich den Sitz der örtlichen Freimaurerloge sowie das großartige Royal Hotel links liegen und kaufe im Co-op Joghurt und Obst, um mich damit im historischen Rosengarten niederzulassen und zu schmausen.

Auf dem Weg stadtauswärts besichtige ich noch kurz die mittelalterliche Collegiate Kirk of Saint Duthac of Tain mit ihren Hochkreuzen und 1000-jährigen Vikingergräbern und entschließe mich dann, die letzten Häuser Tains hinter mir lassend, einen kleinen Umweg zur Glenmorangie-Distillerie zu machen. Die liegt mir deutlich mehr am Herzen als Glengoyne, aber noch eine Führung zu machen, wäre einfach nur dämlich – darauf habe ich überhaupt keine Lust – und so stöbere ich ein wenig im Shop. Aber der Whisky hier wird auch nicht anders als der in identischen Flaschen aus dem Duty-Free-Shop am Flughafen oder von Amazon schmecken, sodass die Vernunft (und die Aussicht, mehr Gewicht tragen zu müssen) siegt und ich mit leeren Händen und trockener Kehle weiter laufe.

Bald komme ich zur Dornoch Firth Bridge, eine weitere lange Autobrücke, die ich überquere. Am anderen Ende wartet der Strand auf mich. Hat man an den Möwen in Tain schon gemerkt, dass das Meer nicht weit sein kann, stehe ich nun direkt davor. Ich steige eine steile Böschung hinab, klettere über den Zaun und bin an der Nordsee. Schuhe und Strümpfe sind schnell abgestreift und dann durchwate ich in einen etwa zweihundert Meter breiten Wattstreifen. Salzwasser, Herzmuscheln, Miesmuscheln, Wasserschnecken, Seetang und Algen bereiten einen heilenden Cocktail für die geschundenen Füße.

Schließlich sitze ich in der Wiese, lasse die Füße trocknen und esse zu Mittag, lese ein bisschen und lege mich dann – nur mal ganz kurz, weil die Sonne so schön scheint – hin und schließe die Augen. Geweckt werde ich von der feuchten Schnauze eines schwarzen Labradors, der sich offensichtlich freut, mich hier gefunden zu haben. Nach einer kurzen Unterhaltung mit dem Herrchen, bei der mir einige Sehenswürdigkeiten an der Ostküste vor Wick besonders nahegelegt werden, mache ich mich wieder auf den Weg.

Der JoGT führt über raues Weideland und erst als ich etwa die Hälfte des Weges zwischen zwei Gattern zurückgelegt habe, sehe ich die zwei schwarzen Monster vom Typ feuriger Riesenstier aus Das letzte Einhorn, die mich vom anderen Ende der Weide ansehen. Ich versuche möglichst gelassen weiterzugehen und bin dann doch froh, als ich das nächste Gatter hinter mir schließen kann und auf eine Pferdekoppel komme, wo außer einem Schimmel (oder ist es doch ein Einhorn?) in einiger Entfernung keine Tiere zu sehen sind. Immerhin hab ich nicht den Soundtrack vom letzten Einhorn im Ohr, sondern Clannads In a Lifetime. Warum auch immer.

Jetzt ist es nicht mehr weit. Ich folge für einen Kilometer einer kaum befahrenen Straße und biege dann in den Wald von Camore Woods ein, durchquere diesen und komme dabei an den zwei- bis dreitausend Jahre alten Überresten von Rundhäusern vorbei, in denen die Menschen der Bronzezeit lebten. Auf der anderen Seite des Waldes wartet ein Feldweg, der mich – so lese ich es in meiner Wegbeschreibung – just an der Stelle vorbeiführt, wo der heilige Gilbert den Drachen von Dornoch getötet hat. Good on you St. Gilbert, way to go!

Und dann bin ich auch schon im malerischen Küstenstädtchen Dornoch, checke im Hotel ein, koche mir einen Tee und lege mich erst einmal in die Badewanne. Dann bummele ich noch ein wenig durch den Ort, schaue mir die Kathedrale an und genieße die Annehmlichkeiten urbanen Lebens.

☀️ – 25,5 km – 243 Hm – 5,3 km/h

Epostkarte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.