Dunbeath — Lybster

Der Nebel von gestern Abend hat sich über Nacht festgesetzt. Meine Zehen tun weh, wenn ich sie bewege und ich hab ein wenig Halsschmerzen. Extreme Umstände erfordern extreme Maßnahmen, also koche ich mir einen Pfefferminztee. Dafür also hab ich vor vier Wochen in irgend einer Pension diesen Teebeutel mitgenommen.

Dann frühstücke ich, krieche wieder in den Schlafsack, stecke mir Kopfhörer mit schöner Musik in die Ohren und schlafe wieder ein.

Gegen 10 Uhr dusche ich und mache einen Plan. Die Wettervorhersage, die bisher ziemlich zuverlässig war, zeigt Nebel bis zum Nachmittag. Vor 16 Uhr ist an den Küstenweg also gar nicht zu denken, denn schon gestern, bei idealen Wetterbedingungen, war der kaum zu laufen. Außerdem wäre ich binnen Sekunden wegen der Feuchtigkeit auf den Pflanzen patschnass und von der Steilküste ist ohnehin nichts zu sehen. Also werde ich heute die Straße entlang bis Lybster laufen und dann weitersehen. Das sind ungefähr 15 Kilometer und müsste auch mit schmerzendem Fuß zu machen sein.

Ich bin noch gar nicht weit gelaufen, da komme ich am Haylaid Heimatmuseum und Tearoom vorbei – dem vollen Parkplatz nach zu urteilen, ein guter Laden. Ein wenig moralische Unterstützung im Nebel ist sicher angebracht und weil das bei mir gut über die Essensschiene funktioniert,  bestelle ich mir ein zweites Frühstück. Danach geht es gleich viel besser und endlich hält mal eins der Rebhühner lang genug still, um es fotografieren zu können.

Latheronwheel Harbour möchte ich nicht auslassen, als ich ein Schild sehe, das auf einen Fußweg dort hin weist. Dabei komme ich in einem Wäldchen durch ein Feendorf und erreiche nach etwa einem Kilometer den mystisch vernebelten längst verlassenen Hafen. 

Einen Ort weiter, in Latheron, biegt die A9 ab nach Thurso, während ich an der A99 weiter Richtung Wick laufe. Es ist eine solche Wohltat, wenn der Fuß einfach mal gleichmäßig und auf der ganzen Sohle belastet wird. Langsam kommt auch die Sonne durch.

Wenig später treffe ich die Schottinnen von gestern wieder. Sie waren gestern nach Berriedale nicht weit gekommen und haben abgebrochen, um den Bus zu ihrer Herberge noch zu erreichen. Heute Morgen im Nebel haben sie dann versucht, den Weg weiterzugehen, sind aber bald auch auf die Straße gewechselt.

Es tut so gut mit jemandem über den schlechten Weg zu schimpfen und sich gegenseitig alle Widrigkeiten und Zumutungen des Weges aufzuzählen, die wir jeweils erlebt haben: die Brennnesseln, die durch die Hosenbeine brennen, der nichtexistente Pfad, die ständigen Stacheldrahtzäune …

So redend laufen wir weiter und erreichen gegen 15 Uhr Lybster, wo wir auf der Bank hinter dem geschlossenen Pub noch ein Pint (dann eben aus der Flasche vom Laden) zusammen trinken. Die beiden (man sagt wohl ‚rüstigen’) Damen heißen beide Sandra und wir lachen Tränen, weil es mit dem Humor gut passt und der überstandene Weg und das Wandern allgemein viel Gesprächsstoff für Anekdoten bietet.

Während die beiden dann zur Bushaltestelle gehen, um sich zu ihrem B&B bringen zu lassen, laufe ich Richtung Meer, um dort den offiziellen JoGT wieder aufzunehmen. Allerdings hab ich nicht vor, noch lange zu laufen und so suche ich mir eine schöne Weide direkt an den Klippen und baue das Zelt auf. Heute muss ich keine Rekorde brechen. Ich kümmere mich um meinen Fuß, trinke Tee und suche mir einen Platz an den Felsen, wo ich den Möwen zusehen und -hören kann.

🌫☀ – 18 km – 266 Hm – 4,8 km/h

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