Lybster — Wick

Der Himmel ist bedeckt, das Zelt nass, aber sonst sieht alles ganz gut aus. Weil ich gestern Milch gekauft habe, gibt’s extra cremigen Porridge, den auch Mieke gemocht hätte. Ich gebe dem Küstenweg noch eine Chance, schließlich habe ich direkt daneben übernachtet. Mal sehen, was die Blasen dazu sagen werden.

So laufe ich immer am Abgrund entlang und treibe wieder einmal Schafe vor mir. Der Weg ist vergleichsweise gut begehbar, aber gegen 9 kommt wieder dichter Nebel auf und ich merke auch, dass die Imprägnierung meiner Wanderschuhe nach fünf Wochen Dauerbelastung ohne Nachfetten nicht mehr die beste ist, auch wenn das nasse Gras nur bis zu den Knien geht.

Bei Occumster wechsele ich also wieder auf die Straße, bis ich Whaligoe erreiche, das seinen Namen dem Umstand verdankt, dass hier früher öfter mal Wale (whale) in einer Kliffnische (geo) angespült wurden. Der kleine Hafen ist berühmt für seine 365 Treppenstufen, die bis hinab an die Küste führen. Der Tea Room, auf den ich fest gebaut hatte, hat leider nur von Donnerstag bis Sonntag auf, dafür treffe ich meine schottischen Freundinnen wieder, die heute komplett Straße gelaufen sind und auch die Whaligoe Steps bereits hinter sich haben.

Und zum ersten Mal begegnen mir bei meiner Pause hier die gefürchteten midges. So packe ich Cheddar und Haferkekse schnell wieder ein, lasse den Rucksack bei Café stehen und gucke mir die Hafenplattform am Fuß der Steintreppe an. Eigentlich will ich danach wieder auf den JoGT, aber nach etwa einer halben Meile mache ich kehrt und laufe zurück – der Fuß tut einfach zu weh, wenn er wieder dem unebenen Untergrund ausgesetzt ist und ich komme zu langsam voran. Ich muss heute noch bis Wick kommen, denn vorher gibt es keine Möglichkeit an Essen zu kommen und meine Vorräte gehen zur Neige.

Zurück jn Whaligoe habe ich das Glück, den Mann zu treffen, der sich um den Erhalt der Stufen kümmert. Er erklärt mir, wie hier im 18. Jahrhundert begonnen wurde zu fischen und wie Frauen die Heringe in Körben die Treppen hoch und dann die 8 Meilen bis Wick zum Markt tragen mussten. Dann holt er aus seinem Haus ein Foto aus den 30er Jahren, das die zwei letzten Fischerboote, trocknende Netze, den Teerkessel und einige andere Gerätschaften im Hafen zeigt, deren Überreste ich gerade gesehen habe. Sein Großvater und ein Nachbar haben hier bis in die 60er noch gefischt, dann wurden die Boote zum letzten Mal aus dem Wasser gezogen.

Ich laufe also weiter an der A99, bis sich nicht mehr wegreden lässt, dass inzwischen der gesamte rechte Unterschenkel schmerzt. Irgendwie scheint das Bein in eine unbewusste Schonhaltung zu gehen, um den Fuß zu entlasten. Glücklicherweise habe ich ja noch ein altes Paar Turnschuhe dabei, die ich jetzt versuchsweise anziehe, und das klappt ganz gut, solange ich auf dem Asphalt bleibe. So passiere ich die Ortschaft Thrumster Und Loch Hempriggs, bis ich schließlich Wick erreiche.

Zufällig sehe ich ein Schild zu einem Campingplatz, dem ich folge. Ich denke, ich werde hier morgen einen Pausentag einlegen. Zeit habe ich noch genug und mit dem Fuß macht das so keinen Spaß mehr.

Wick wirkt ein wenig heruntergekommen, aber morgen werde ich dann ja Zeit haben, mir die Stadt genauer zu besehen.

⛅️ – 25,5 km – 251 Hm – 5,4 km/h

Eine Antwort auf „Lybster — Wick“

  1. Lieber Jens,

    wie jeden Tag lese ich begeistert mit – heute bange ich mit Dir und Deinem Fuß! Meine Theorie ist, dass Du da nicht den schlechten Weg spürst, sondern die zwei Kisten Onion Rings. Bin aber sehr hoffnungsvoll, dass es Dir morgen besser geht: Wick-MediNight (nur eine Medizin)!

    Herzlichen Gruß aus dem schwülen Berlin
    Volker

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.